Haruki Murakami: Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki.
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Roman. Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe.

Ich weiß nicht, wie sich das Buch in Japanisch liest und wie diese Sprache Emotionen, Dinge, Musik beschreibt, ich kann aber empfinden, was die Übersetzerin uns mitteilen will. Vielleicht klingt japanisch so in Deutsch, wenn man es lange genug erlebt und geschrieben hat? Es klingt gut und es erinnert mich an Nishida „Über das Gute“. Die kurzen Sätze, das Präzise, dass in eine melancholische Poesie übergeht, die man erst merkt, wenn man selbst darin aufwacht. Besonders im ersten Teil dieser als unerhört oft rezensierten Geschichte wird man fortgerissen in den Strudel einer eigentlich nicht wirklich „aufregenden“ psychologischen Kriminalgeschichte,- nein, es ist nicht die zwar raffiniert aufgebaute Vergewaltigung- und Mordgeschichte, die einen schwachen Menschen zu Unrecht trifft und an deren Anschuldigung er fast zu Grunde geht,- es ist die Tonlage seiner Romankomposition, die einen teilweise sehr fasziniert.

 

Mehrfach hat Tsukuru, der in der Ich und - dritten Person aufritt, aus destruktivem Kummer die Symptome eines Herzinfarktes (keine Rezension geht übrigens darauf ein?) in seinem ansonsten farblosen und erlebnislosen Leben , dem er kaum gewachsen ist, außer, wenn er beim Schwimmen alles vergisst und als Ingenieur Bahnhöfe plant. Das ist wahrhaftig kein mitreißendes Leben, - eben ein farbloses. Am Ende, das offen ist, könnte man denken, dass er an einem Infarkt schließlich sterbend einschläft, (hat das sonst noch jemand so lesen können ?), bevor Tsukuru zu Sara seinem eventuellen späten , vielleicht erstmals echtem, Lebensglück findet, die ihm aber eben die Bedingung dazu erst in drei Tagen sagen will. Sie hat ihm auf den Weg zu sich nach all den verlorenen Jahren geholfen. Da kann ich ihn aber auch schon tot wähnen, bevor er dort ankommt,- das Ende kann mich das so fühlen lassen, es ist offen oder irre ich?

Seine bisherigen Frauenerlebnisse sind „farblos“ wie er selbst, hohl und seine bisexuellen Träume eher dem Wunsch des Dichters nach zeitgeistlich „Aufregendem“ für seine Leserschaft geschuldet.

Dieser Roman handelt viel von Musik, wie ein Wagner`sches Leitmotiv zieht sich das Klavierstück von Franz Liszt ("Années de Pèlerinage" , die wohl auch den Titel gaben? )durch den Text. Dahinter kann ich eine vielleicht unbewusste oder doch geplante Absicht des Autors erkennen. In der Kompositionslehre gibt es die sogenannte „Programmmusik“, eine gute Definition bei Wikipedia:

Programmmusik (Programm von gr. prógramma, öffentliche, schriftliche Bekanntmachung) bezeichnet Instrumentalmusik, die einem Programm aus dem außermusikalischen Bereich (z. B. Dichtkunst, Malerei, Natur, Technik oder Geschichte) folgt, das üblicherweise als Titel der Komposition vorangestellt wird. Sie bildet damit den Gegensatz zur absoluten Musik. Der Begriff der Programmmusik bezieht sich im Wesentlichen auf Instrumentalmusik für Orchester bzw. für Soloinstrumente.

Ich finde, Murakami hat diesen Roman nach meinem Empfinden, in der Tat wie eine Prorammmusik komponiert und dabei alle Register von Emotionen, Philosophie, Technik, Großstadt Leben, Psychologie und zwischenmenschlicher Sexualität gezogen,- mehr geht fast nicht mehr.

Das Thema des Programms  ist stark, schwer, tiefgründig am Grunde der Seelen der 5 „Freunde“ verortet und man ist mitgerissen von diesem ungewöhnlichen „Motiven“. In der Durchführung wird die Geschichte bisweilen dann doch etwas flach in den Dialogen, mit den früheren Freunden, aber anders waren sie eben nicht, die Freunde in ihrer Jugend, nur dass Tsukuru sie anders erlebt hatte, - in Sprache und Stil, speziell in den tiefgründig gemeinten Dialogen zu Beginn des letzten Drittels. Die Reprise in Finnland gewinnt dann wieder an plötzlicher Tiefe einer nicht erkannten Liebe, die alles, nach Vergewaltigung, Mord und Lüge als Rache, zerstört hat und die schließlich wieder in Tokyo ankommen soll in einer anderen Person. Nochmals: mehr geht nicht.

Findet Tsukuru dann nach der Offenbarung für sein verlebtes Leben, seinen Frieden? , in der Liebe? oder, wie ich ahnen kann im Tod an einem Herzinfarkt in jungen Jahren , weil Kummer und Not unerträglich wurden?Wer kann das Ende des Romans noch so kommentieren und deuten?

Was ist das „Programm“ dieses vom Todeshauch und Lebenswahn  gezeichneten wunderbaren Romans?

Für mich: Murakami will alles geben, endlich das Werk zu schreiben, das zum Nobelpreis führen kann und wohl auch wird

Diese für mich erkennbare Absicht verstörte mich, als ich kurz nach der Mitte von diesem Eindruck beschlichen wurde. Der "Komposition" tut dies keinen Abbruch. Alle Menschen sind auf der Suche nach einem „Sinn“, einer Belohnung ihres gelebten Lebens oder erleben am Ende den Schmerz des verpassten Lebens.  Beides habe ich tief erleben dürfen in der Begleitung von Biographien bis zum Ende.

Ich bin gespannt, wer das noch so lesen kann?