- Ein Projekt zur Situation des modernen Mannes -

„Männer, das betrogene Geschlecht“ nennt uns Susann Faludi in ihrem soeben erschienenen Buch, das in der Flut der jetzt erscheinenden Literatur über den Mann, welche auch mit dem „Mitleid mit den Männern“ umschrieben werden kann, sehr beachtet wird.

Wir Männer sterben 7 Jahre früher als die Frauen. Die letzten Jahre unseres Lebens sind wir krank. Es rächt sich, dass wir ein Leben lang nicht gewohnt waren, auf unsere Gesundheit zu achten. Dieses ist kein neues biologisches, kulturelles oder gesellschaftliches Phänomen, wie ich in dem neuen Buch „Absolut Mann“ beschrieben habe. Warum also dieses auffallende Interesse am Mann, seinem Leben und seinem zu frühen Tod? Passt unsere stammesgeschichtliche Rolle nicht mehr in unsere Gesellschaft und in unsere Kultur, obwohl diese noch immer vom Mann beherrscht wird? Sind Macht und Geld, die seit Jahrhunderten unsere Domäne waren und unseren Platz in der Gesellschaft sicherten, nicht mehr genug Inhalt für ein männliches Leben? Beginnen sich die Bedürfnisse der Männer und ihrer Rolle in der Gesellschaft zu ändern, weil sich die Frauen immer mehr von der ihnen von der Natur vorgegebenen Pflicht der reinen Fortpflanzung befreit haben?

Die Rollenverteilung war über Jahrhunderte vorgegeben und funktionierte fast störungsfrei bis vor etwa 50 Jahren. Zuvor gab es von Seiten der Frau erste Ausbruchversuche durch Studium und Beruf. Aber erst mit der Erfindung der empfängnisverhütenden Pille konnte sie sich von ihrer vorgegebenen Rolle der abhängigen Frau und verpflichteten Mutter beginnen zu befreien. Es begann weltweit die Bewegung der Emanzipation. Die Frauen sind seither nicht mehr stets biologisch verfügbar, ihre Fruchtbarkeit steht nicht mehr von männlich geprägter Moral und durch eine von Konventionen geprägte normative Kontrolle zur Verfügung. Erstmals entscheiden Frauen in eigener Verantwortung, ob in ihrem Körper eine Eizelle und durch welchen (männlichen) Samen befruchtet werden soll. Die liberalere Gesetzgebung unserer Zeit erlaubt den Frauen unter bestimmten Voraussetzungen sogar die Unterbrechung der Schwangerschaft. Können sich weitere Entwicklungen durchsetzen, so werden die zukünftigen Mütter durch Präimplantationsdiagnostik entscheiden, ob sie einen Menschen mit Behinderungen auf die Welt bringen wollen oder nicht. Die fundamentale Befreiung der Frau aus dem Zwang der Annahme ihrer biologischen Rolle hat zu großen Veränderungen in der westlichen Gesellschaft geführt und den Männern die Bevormundung der Frauen weitgehend genommen.

Moderne Frauen ziehen ihre Kinder selbständig gross, managen die Familie, erfüllen ihren Beruf und entwickeln dabei Sozialkompetenz, Führungsqualität, Kommunikations- und Durchsetzungsfähigkeit, welche die Männer in ihrer Berufsausbildung nicht lernen. Die einstweilen biologische und feministische Befreiung geht in eine eigenständige Kompetenzkultur der Frau über, die auf allen gesellschaftlichen und unternehmerischen Ebenen wirksam wird, welche der Herrschaftsbereich des Mannes waren.

Durch diesen „Herrschaftsverlust“ ist er plötzlich mehr auf sich geworfen und fühlt sich unwichtiger, daher einsamer. Er bemerkt die Nachteile einer von der Natur vorgegebenen biologischen, gesellschaftlichen Rolle und der von Dominanz und Aggressivität bis hin zur Gewalt. Es macht keinen Spass an sich selbst krank zu werden und früher als die Frau zu sterben, ohne ein Held zu sein. Der Mann beginnt sich selbst kritischer zu betrachten und bemerkt schon im mittleren Lebensalter den Verfall seines Körpers und dessen nachlassende sexuelle Attraktivität, weil er bislang nie nötig hatte ihn zu pflegen. Zunehmend irritiert ihn, dass seine Erektionsfähigkeit keinesfalls immer so präsent ist, wie er das gewöhnt war, als er alleine den Zeitpunkt sexueller Aktivität bestimmte. Er ist im Umgang mit sexuell emanzipierten Frauen verunsichert und erlebt erstmals, dass die Erektion, welche die sinnstiftende männliche Identifikation schlechthin darstellte, ihn im Stich lassen kann. Nichts am Mannsein stimmt mehr, so will es ihm scheinen, er sucht nach Auswegen:

Wie können wir Männer ein langes und zufriedenstellendes Zusammenleben mit unseren emanzipierten Frauen gestalten? Wie können wir das gleiche Lebensalter wie unsere Frauen in Gesundheit und in „Form“ erreichen, ohne dem Körperwahn und „Adonis-Komplex“ zu verfallen? Wie können wir Verantwortung und Kompetenz in Gesellschaft und Unternehmen mit unseren Frauen teilen? Unsere Gesichter erhalten durch das Älterwerden Charakter, unser Gehirn erhält Reife, unseren Körper aber müssen wir vor einem schlechten Lebensstil schützen, und dies sind wir bisher nicht gewohnt. Mit „PASSION MANN“ wollen wir über das Erwachsenwerden des Mannes zum Menschen nachdenken, über seine Befreiung aus seinem biologischen Zwang, wenn dies denn denkbar ist.







R.D. Hesch
Konstanz, im September 2001